Ich bin übrigens ziemlich oft fremd und kenne mich aus, auch in anderen Bereichen des Lebens. Es kommt von Zeit zu Zeit vor, dass ich die Leute bei der Arbeit seltsam finde. Trotzdem weiß ich gut Bescheid und habe alles im Blick. Da ist zum Beispiel Sybille, die am Tag zehn Espressi mit je einem Teelöffel Zucker trinkt. Sanna, die am Tag hundert Liegestütze macht und nie den Fahrstuhl nimmt, dabei ist unser Büro im sechsten Stock. Helge, der am Tag acht Stunden bei Facebook ist. Elisabeth hat Morbus Crohn und Sigmund Morbus Scheuermann. Beide sind häufiger krankgeschrieben, wobei Elisabeth mit Abstand den Rekord hält. Ich für meinen Teil gehe einmal die Woche ins Kino, am liebsten habe ich französische Filme, außerdem höre ich im Durchschnitt jeden Tag vierundvierzig Lieder, das sagt das Musikprogramm auf meinem Laptop. Ich habe nicht gerade eine große Vorliebe für Statistik, aber anders geht es nicht, wenn man etwas verstehen will: beobachten und die Beobachtungen aufschreiben. Die Informationen filtern und filtern bis nur noch das Wichtigste übrig ist. Das Wichtigste ergibt im Fall von Menschen dann eine Liste, oder einen Katalog, von Eigenschaften. Das ist vielleicht nicht besonders aufregend, aber immernoch besser, als gar keinen Überblick zu haben.
Ich habe es einmal nicht geschafft, aus jemandem einen Katalog von Gewohnheiten und Vorlieben zu machen. Ich war sehr verliebt in diesen Mann, ich stand in Flammen, wenn ich ihn sah, wenn er sprach, hüpfte mir das Herz. Wenn er mich berührte, fühlte ich mich wie eine Person von höchster Wichtigkeit. Aber verstehen konnte ich ihn niemals. Er kam und ging. Er rief mich an oder ließ es. Das alles war für ihn normal, er lachte, wenn ich es bemängelte, nannte seine Willkür Spontaneität und seine Unzuverlässigkeit Lässigkeit. Es machte mich unglücklich, auf ihn zu warten. Ich habe kein Sofa und kein Bett, sondern etwas, das man Ottomane nennt: ein Sesselsofabett mit einer halben Lehne. Dort liege ich häufig, und als ich mit dem Mann, der keinen Katalog besaß, so etwas wie zusammen war, bestand mein Tag, war ich nicht im Büro und ging ich nicht ins Kino, hauptsächlich damit, dass ich auf meiner Ottomane lag, den Stuck an der Decke studierte, Musik hörte und wartete, bis das Telefon zu scheppern begann. Man kann die Lautstärke an dem Telefon regulieren. Ich habe sie meist ziemlich stark aufgedreht, da ich Ruhe nicht gut finde und zu Hause fast permanent Musik oder das Radio läuft. Meinen Nachbarn, besonders Josefin von oben, mache ich großen Kummer. Mehr mit der Musik, nicht so sehr mit dem Telefon - wie auch, der Mann ohne Katalog rief immer seltener an, eigentlich sprachen wir gar nicht viel miteinander. So kam es, dass ich unser letztes Treffen nicht erinnern kann, denn ich wusste ja nicht, dass es das letzte sein würde. Dass man sich Abschiede und Verlassenwerden einprägt, ist nur logisch, er aber muss bei unserem letzten Treffen dasselbe gesagt und gemacht haben wie immer, es gab da nichts, was auf ein Ende hingewiesen hätte. Es tröstet mich, dass er eventuell selbst nicht wusste, dass wir uns zum letzten Mal sehen würden. Neulich wählte ich seine Nummer. Das Freizeichen schien gar nicht mehr aufzuhören und nach einer Ewigkeit sprang der Anrufbeantworter an. Meine Hoffnung, er sei vielleicht eines absurden Todes gestorben oder säße im Gefängnis, wurde damit zunichte gemacht. Aber er war für beides auch einfach nicht der Typ.
Ich stelle es mir schön vor, von einem Ende der Insel zum anderen zu laufen und dafür keinen ganzen Tag zu brauchen. So groß ist die Insel in meiner Vorstellung: gerade groß genug, um einen ordentlichen Urwald zu beherbergen, dabei klein genug, sie in einem Tagesmarsch zu überqueren und für die Zivilisation ansonsten von geringem Interesse zu sein. Dickicht und weitläufiger Sandstrand halten sich die Waage, man findet, was man zum Leben braucht, man muss bloß die Hände danach ausstrecken und Acht geben, dass sie nicht sofort von einem wilden Tier abgebissen werden: So sind solche Inseln.
Solche Inseln
Geschrieben von Jana Volkmann
Wenn es eine Zuneigung gibt, die man gegenüber Landschaften entwickeln kann, dann empfinde ich so etwas für Inseln. Natürlich nicht für jede Insel. Es muss eine Südseeinsel sein mit weißem, besonders feinem Sandstrand, die See von fast demselben Blau wie der Horizont, Palmen sind mir nicht allzu wichtig, vermutlich gehören sie aber dazu; eine Insel, von der man sich vorstellen könnte, dass dort Schildkröten leben und dass es massenhaft Kaurischnecken im Wasser gibt. Die Schildkröten vergraben ihre Eier im feinen Sand und die frisch geschlüpften Schildkrötenkinder finden den Weg ins Meer, als würden sie an einem Bindfaden direkt hinein gezogen. Das würde ich mir gern ansehen. Ich stelle mir vor, wie ich ganz ruhig im Sand sitze und neben mir, vor mir, hinter mir krabbeln die Schildkrötenbabys aus dem Sand, flink, ab ins sichere Wasser, ehe eine Möwe die leichte Beute erspäht. Zuerst wirft der Sand einen kleinen Hügel auf, und dann taucht das kleine Kind, gerade mühsam aus dem Ei gekrochen, mit der Nasenspitze zuerst auf. Allerdings bin ich nicht sicher, ob Schildkröten Nasen haben. Oft sind solche Inseln voller Geheimnisse. Nicht, dass ich jemals dort gewesen wäre, in der Südsee. Ich habe aber eine Vorstellung davon, die in mir ist; manchmal male ich mir aus, dass ich möglicherweise als sehr kleines Mädchen auf einer solchen Insel gestrandet sein und dort eine Zeit lang gelebt haben könnte, ehe ich gerettet und heim gebracht worden wäre. Es fühlt sich wie eine unbekannte Heimat an. Ich bin fremd und kenne mich aus.
Jana Volkmann
Jana wohnt in der Prosastraße 46.
Website: www.jana-volkmann.de E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.Aktuelles von Jana Volkmann
1 Kommentar
-
Mag ich sehr, sehr gerne...
Montag, den 27. September 2010 um 21:25 Uhr Gepostet von Daphne Theissen Kommentar Link
Einen Kommentar hinterlassen
Bitte füllen Sie die mit (*) markierten Felder aus. Einfaches HTML ist in der Nachricht erlaubt.
Autorinnen & Mitwirkende
Lesungen
- 15.06.2012 | 20.15 FAYATAK Lesemarathon
- 16.06.2012 | 17.00 48 Stunden Neukölln - Die Lesung
- 17.06.2012 | 16.00 48 Stunden Neukölln - Lesung die Zweite
