
Manchmal, ja, da reicht dir ein Griff.
In den Nacken. Ins Haar. Um’s rechte Handgelenk.
Das kann zum Beispiel in einer dunkel schimmernden Bar in der Oranienburger Straße sein, wo ein riesiges Aquarium New Yorker Touristen beleuchtet. Es könnte auch am Rand des 50-Meter-Beckens in der Halle des Europasportparks sein, an einer Bushaltestelle in der Potsdamer Straße oder in einer 1-Zimmer-Wohnung am Rande der Stadt, wo es nach Katzenurin riecht und rings ums Bett Raubkopien von Blockbuster-Filmen verstreut liegen.
Aber bleiben wir bei dem Beispiel mit der Bar.
Der Griff kann von einer schlanken, schönen Hand ausgeführt werden. Er ist fest, ein kleines bisschen schmerzhaft, in jedem Fall überraschend. Er passiert vielleicht gerade in dem Moment, als du entdeckst, dass in deiner blumengemusterten Strumpfhose auf der Knieinnenseite ein kleines, aber kaum übersehbares Loch ist. Der Griff wird dafür sorgen, dass du deine Strumpfhose vergisst.
Nun kannst du versuchen zu lachen und zu reden und dich dabei vergewissern, dass die Hand es ernst meint mit ihrem Griff. Auch kannst du, um es auf die Spitze zu treiben, konstatieren, in welch klischeehafter Situation du und der Besitzer der Hand sich befinden - die dunkle Bar, die schwarzen Ledersessel, das Aquarium - und beruhigt vermerken, dass die muskulöse Hand, der du Bestimmtheit nur bedingt zugetraut hast, sich nicht irritieren lässt.
Das ist verwirrend, verständlicherweise. Lass dieser Verwirrung ruhig ein wenig Raum.
Du kannst jetzt die Hitze, die von dieser Hand ausgeht, durch deine Haut dringen lassen und sie genießen, auch die Aufgeregtheit, die in dir aufsteigt und deine Kehle verschließt. Es lassen sich eine Menge Dummheiten sagen in einem solchem Moment Also halt lieber deinen Mund. Auch wenn du nach deinem ganz konkreten Befinden gefragt wirst. Schau besser dem Besitzer der Hand ins Gesicht, selbst wenn es dir schwer fällt. Du wirst es später bereuen, wenn du die heiteren Augenwinkel und die Ausprägung dieses nachdrücklichen Kinns nicht erinnern kannst.
Du wirst dann in einen Traum fallen, in dem du dich vielleicht wieder erkennst. Darin wird die entschlossene Hand eine entscheidende Rolle spielen. Auch Schmerzen in den Patellen, weil du über einen unbestimmbaren Zeitraum auf einem hellen Dielenfußboden gekniet hast, und Wimperntusche, die sich gemeinsam mit Tränen und anderen Flüssigkeiten über deine Wangen verteilt.
Du könntest aber auch nach Hause fahren. Geh auf die Terrasse und betrachte die Sterne, bis sie vor deinen Augen verschwimmen. Du kannst nun nächtelang träumen.