Kussfeige

Geschrieben von  Caroline Schließmann
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Auf dem Internat hatten Christin und ich uns ein Zimmer geteilt. Ich mochte sie von Anfang an so wenig, wie ich glaubte, dass sie mich mochte. Sie war einer von diesen unfehlbaren Menschen, die sich augenscheinlich nie etwas zu Schulden kommen lassen und denen man deswegen alles Mögliche zutraut. Sie hatte diese seltsame Angewohnheit, mir ein Schokoladenstück aufs Kopfkissen zu legen, wie im Hotel. Immer, wenn ich nach Hause kam, hatte sie die Bettdecke festzogen, das Kissen aufgeschüttelt und darauf lag ein Stück eingewickelter Schokolade. Ich habe nie verstanden, warum sie das tat, ich war nicht besonders freundlich zu ihr und gerade darum schürte dieses Schokoladenstück mein Misstrauen. Wenn sie schlief, rauchte ich an unserem Fenster. Eigentlich rauchten wir alle heimlich auf dem Klo, ich auch, aber meine letzte Zigarette rauchte ich oft an unserem Fenster. Das tat ich nur, damit sie Punkt 07.00 Uhr in kaltem Rauchgestank aufwachen musste und mich einmal nur verfluchte.

Was mich am meisten an ihr störte, war ihr Lächeln. Es sah so aus, als würde sie das gar nicht tun, lächeln, sondern als wäre es fest verwachsen, als gehörte es einfach zu ihrem Gesicht. Immer hatte sie dieses sanfte Lächeln. Auch morgens Punkt 07.00 Uhr im kalten Rauchgestank.

Christins Brüste habe ich in den ganzen vier Jahren, die wir miteinander wohnten, nie gesehen. Bevor sie schlafen ging, stülpte sie sich ihr Nachthemd über, öffnete den BH darunter und zog ihn anschließend aus dem Ausschnitt. Manchmal blieb ich nachts extra lang wach, stellte mich schlafend, in der Hoffnung, irgendwann würde ich sie erwischen, würde sie stöhnen hören, weil sie es sich machte. Ob sie jemals an sich herumgespielt, sich erforscht hat, wagte ich zu bezweifeln. Sie tat einfach keine unanständigen Sachen, auch nicht solche, die eigentlich ganz normal waren, bei denen man eben nur nicht ertappt werden wollte. Ich weiß das so genau, weil ich sie im Auge hatte.

Wir waren in der gleichen Klasse, hatten zusammen Schluss und liefen auch gemeinsam nach Hause. Dann, im Zimmer, knotete sie sich die Haare zusammen, packte ihre Bücher aus und las. Wenn ich ging, schaute ich, wie ihre Schuhe standen, wie ihr Kopfkissen lag und immer, wenn ich wiederkam, war alles unverändert. Man hätte sagen können, ihre Tarnung war perfekt, ich jedenfalls sagte das tuschelnd den anderen. Oder einfach frigide, da lachte alles.

Unser Englischlehrer, den jeder irgendwann einmal verstohlen angehimmelt hatte, interessierte sich für sie. Man merkte das. Er schaute sie anders an als den Rest von uns. Sie merkte es nicht, sie wurde nicht mal rot, als sie kurz vor Weihnachten aus Versehen mit ihm unter dem Mistelzweig stand, den wir spaßeshalber über der Tür angebracht hatten. Während er eilig ins Klassenzimmer ging, blieb sie neben der Tür stehen und schaute sich die Ausschreibungen für die Konzerte an, die für uns dort hingen. Die uns zu Kultur einladen sollten, für die sich keiner interessierte. Keiner außer ihr.

Als ich einmal wirklich Probleme in Biologie hatte, half sie mir. Von sich aus, einfach so setzte sie sich eines Tages zu mir. Sie um Hilfe zu bitten, das hätte ich nie getan, nicht mal, wenn es um meine Versetzung gegangen wäre. Dass sie mir Nachhilfe – dieses Wort wollte ich nicht mal denken – gab, dafür schämte ich mich. Und ich erzählte niemanden davon.

Als ich die 3 bis zum Ende des Schuljahres schaffte und keine elterlichen Sanktionen deswegen fürchten musste, machte ich einen Monat lang allein unser Zimmer und den Flur sauber, obwohl wir uns sonst jede Woche abwechselten. Sie schien dafür sogar wirklich dankbar. Und immer, wenn ich vom Putzen zurück auf unser Zimmer kam, lag ein Stück eingewickelter Schokolade auf meinem Kopfkissen.

Gehänselt hat sie nie jemand wirklich, auch ich nicht, aber wenn mich jemand fragte, wie ich es denn mit ihr aushalte auf einem Zimmer, seufzte ich nur schwer und erntete Gelächter. Die Jungs in unserer Klasse machten heimlich Witze über sie, heimlich wohl, weil sie hübsch war. Sie wollten sie, wie ich auch, einfach uninteressant finden und merkten nicht, wie sie ihr durch ihre Witze Aufmerksamkeit zollten. Ich schon und auch, dass ich neidisch war, merkte ich.

Christin fuhr selten nach Hause, ihre Mutter wohnte weit weg, einen Vater hatte sie keinen.

Ich war froh, wenn sie fort war, weil ich mir einredete machen zu können, was ich wollte, obwohl sie nie etwas gesagt hätte, hätte ich all das in ihrer Gegenwart getan. Andererseits fehlte sie mir. Vielleicht, weil bei ihr alles seine Ordnung, seinen Rhythmus hatte.

Ich wollte nicht darüber nachdenken, wollte gar nicht wahrhaben, dass sie mir überhaupt fehlte.

Von Zeit zu Zeit wünschte ich ihr alles an den Hals. Wenn sie stolperte, triumphierte ich, wenn ich einen Pickel in ihrem Gesicht entdeckte, konnte mein Tag nur gut werden. Wenn sie, was selten vorkam, im Unterricht eine falsche Antwort gab, zuckten meine Mundwinkel.

Ich konnte mich mit allem da hinein steigern, in diesen zürnenden Hass, für den ich keinen Grund finden wollte.

Am Ende der 11. Klasse, kurz vor den Ferien, traf ich sie in der Stadt mit einem Jungen.

Ich kannte ihn nicht, er wohnte nicht im Internat und war auch keiner von den Heimschläfern, die gemeinsam mit uns zur Schule gingen. Sie grüßte mich, lächelnd, mit diesem eingewachsenen sanften Lächeln und ging dann mit ihm weiter.

Ich hätte ihr am liebsten das Gesicht zerschlagen. Und am Abend, als sie, wie sie es immer tat, wissen wollte, wie es mir ging, knurrte ich von Regelschmerzen, von schlechter Laune und Ruhe-haben-wollen. Da brachte sie mir die Wärmflasche ans Bett und strich mir über den Kopf. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich einschlief. Vor Wut, meinte ich.

Am Nachmittag nach der Zeugnisausgabe fragte sie mich, ob ich mich auf Zuhause freue, was ich vorhabe in den Ferien. Ehrlich interessiert fragte sie das. Ich wusste keine Antwort. "Vielleicht fahre ich zu oft nach Hause, um's zu vermissen", sagte ich, "vielleicht hab' ich darum keine Pläne." Sie schaute nur wieder mit diesem ewigen Lächeln. Und ich, ich merkte, dass ich's tatsächlich nicht vermisste. Das Zuhause. Weil ich zu oft heimfuhr, ja, und dann manchmal, wenn ich es mir traute, dachte, Ferien hier, hier mit ihr, gefielen mir besser. "Und du?" stolperte es aus meinem Mund, so schnell, dass nichts wirklich zu einer Frage hätte werden können. Bei ihrer Mutter ein zwei Wochen, danach sicher wieder hier. Dann schaute sie verlegen. Seinetwegen stand in ihren Augen. Und ich ging schlafen, ohne mehr zu wissen wollen.

Bis wir uns nach sechs Wochen wiedersahen, hatte ich kaum an sie gedacht.

Und wenn, dann war ich zufrieden, dass ich's so selten tat. Sie drückte mich herzlich. Kurz.

Sagte, wir würden uns am Abend sehen, hatte feurige Wangen und verschwand aus der Tür. Da rauchte ich im Zimmer ohne das Fenster zu öffnen. Als es am nächsten Morgen, dem ersten Tag des letzten Schuljahres, offen stand und sie uns Tee kochte, war ich müde. Konnte gar nicht anderes sein. Und ich glaube, ich blieb es bis zum Schluss. Sie würde Jahrgangsbeste werden, das wusste ich schon bald, jeder wusste das. Ich neidete es ihr nicht, nein, ich wollte nur halbwegs gut bestehen, das reichte.

Wir sahen uns kaum im letzten Jahr, sie ging nur noch selten mit mir nach Hause, meistens aber verabschiedete sie sich hinter dem Rathaus. Wohin sie ging, wusste ich, wissen wollen mochte ich es nicht.

Und immer öfter fühlte ich mich fast krank, wenn ich kein Schokoladenstück auf meinem Kopfkissen fand, wenn ihre Schuhe so ganz anders standen, ihr Kopfkissen nicht ordentlich da lag, weil sie zu schnell gegangen war. Manchmal fragte ich sie dann, ob sie mir etwas erklären könnte, in Bio oder einem anderen Fach, obwohl ich keine Fragen hatte.

Sie antwortete dann auch genauso freundlich wie eh und je, aber flüchtig war es doch, ja, flüchtig war es.

Sie wusste schon, in welcher Stadt sie studieren wollte, als ich noch nicht mal groß darüber nachdachte, was und ob überhaupt. Das war mir auch nicht wichtig, eigentlich wichtig war nur, ob er auch in dieser Stadt studierte, aber das fragte ich sie nicht. Fragte nur, ob sie eine Begleitung für den Abiball hätte. Nein, sagte sie und sah traurig aus dabei, sie würde allein gehen, seine Schule feiere am selben Tag und sie hätten beschlossen getrennt zu feiern.

Da freute ich mich so und wollte doch traurig sein mit ihr.

Sie sah aus wie eine Prinzessin, als sie vor mir die Treppe herunter in die Aula ging.

Links die Mädchen, rechts die Jungen, ihrer nicht, wie glücklich ich war.

Getuschelt wurde längst nicht mehr über sie, mancher neidete ihr vielleicht die Jahrgangsbeste, das schöne Gesicht und das sanfte Lächeln, aber das gab man nicht zu. Und ich? Ich trank und tanzte, wie wir alle. Ich trank zu viel, ich lachte, ich wollte mich auf's Leben freuen und freute mich doch nur, dass sie allein da war.

Auf unserem Zimmer, als ihr Kleid schon auf dem Bügel hang, während ich nur auf dem Bett hockte, drehte sich alles. Ihre Sachen waren schon gepackt, sie wollte gleich am nächsten Morgen fahren. "Was schaust du so traurig?" fragte sie und ging vor mir in die Hocke.

Wie sie mir über's Haar strich. Sanft. Das konnte sie bei ihm nicht tun, nicht so, da war ich sicher. Doch als meine Lippen beinah ihre berührten, legte sie mir den Finger darauf und schaute mich mit einem Nein im Blick an. Da schlug ich ihr ins Gesicht.

Mit der flachen Hand, mit all meinem Zorn und all den Gründen dafür.

Und sah das eingewachsene Lächeln verschwinden, fühlte die Hände von meinen Knien weichen.

Am nächsten Morgen war sie nicht mehr da. Nur auf dem Tisch lag ein Brief mit einem Stück eingewickelter Schokolade darauf. Freundlich schrieb sie, lächelnd und ich war froh darüber, so froh erleichtert. Und noch erleichterter, als ich keine Adresse von ihr fand.

Caroline Schließmann

Caroline Schließmann

Caroline ist neu in die Prosastraße gezogen. Willkommen Caroschka!

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1 Kommentar

  • Ingo Kognito

    Caroline, das war eine sehr schöne Geschichte. Ich mag sehr, dass die eigentliche Geschichte zwischen den Zeilen erzählt wird; gleichsam im Kopf des Lesers entsteht. Ich mag, dass über-die-Jahre-nichts-passieren. Danke!

    Sonntag, den 23. Oktober 2011 um 13:20 Uhr Gepostet von Ingo Kognito Kommentar Link

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