Solche Inseln
Geschrieben von Jana Volkmann
Wenn es eine Zuneigung gibt, die man gegenüber Landschaften entwickeln kann, dann empfinde ich so etwas für Inseln. Natürlich nicht für jede Insel. Es muss eine Südseeinsel sein mit weißem, besonders feinem Sandstrand, die See von fast demselben Blau wie der Horizont, Palmen sind mir nicht allzu wichtig, vermutlich gehören sie aber dazu; eine Insel, von der man sich vorstellen könnte, dass dort Schildkröten leben und dass es massenhaft Kaurischnecken im Wasser gibt. Die Schildkröten vergraben ihre Eier im feinen Sand und die frisch geschlüpften Schildkrötenkinder finden den Weg ins Meer, als würden sie an einem Bindfaden direkt hinein gezogen. Das würde ich mir gern ansehen. Ich stelle mir vor, wie ich ganz ruhig im Sand sitze und neben mir, vor mir, hinter mir krabbeln die Schildkrötenbabys aus dem Sand, flink, ab ins sichere Wasser, ehe eine Möwe die leichte Beute erspäht. Zuerst wirft der Sand einen kleinen Hügel auf, und dann taucht das kleine Kind, gerade mühsam aus dem Ei gekrochen, mit der Nasenspitze zuerst auf. Allerdings bin ich nicht sicher, ob Schildkröten Nasen haben. Oft sind solche Inseln voller Geheimnisse. Nicht, dass ich jemals dort gewesen wäre, in der Südsee. Ich habe aber eine Vorstellung davon, die in mir ist; manchmal male ich mir aus, dass ich möglicherweise als sehr kleines Mädchen auf einer solchen Insel gestrandet sein und dort eine Zeit lang gelebt haben könnte, ehe ich gerettet und heim gebracht worden wäre. Es fühlt sich wie eine unbekannte Heimat an. Ich bin fremd und kenne mich aus.
Franzis Vermächtnis
Geschrieben von Christiane Reichart
An den Namen des ersten Mannes, den ich im Westen küsste, kann ich mich nicht erinnern. Er klang altmodisch, der Mann selbst war ausgesprochen schön. Ich erinnere mich dunkel an Spaziergänge durch herbstbunte Wälder rings um Tübingen, ich erinnere mich an seine Lippen, die bedächtig und zurückhaltend küssten, und dass ich mit ihm zusammen das erste Mal einen McDonald betrat - er meinte, das müsse ich gesehen haben.
Das ist alles. Ich weiß nicht, wie es begann und warum es endete, ich weiß nicht einmal mehr, ob wir irgendwann zusammen ins Bett gingen, nichts davon scheint mich wirklich berührt zu haben.
Meine Welt spielte sich anderswo ab. Ich war gekommen, um das Leben zu leben, das ich gesucht hatte, ich wollte studieren, durch die Welt reisen, mich politisch engagieren. Aber das Leben war nicht mitgekommen, es fand weiterhin dort statt, wo ich hergekommen war. Zu mir kam es nur mit den Briefen meiner Freunde, mit den Fernsehbildern, in den Stimmen während seltener Telefonate.
Fortune Teller Miracle Fish
Geschrieben von Jana Volkmann
Als Elise aufwachte, fiel das Licht bereits grell durch die Krankenhausfenster. Vor der Kinderklinik stand eine hohe Ulme, deren Äste und Blätter krumme Schatten ins Zimmer warfen. Es dauerte eine kleine Weile, bis ihr wieder einfiel, wo sie war. Sie mochte die Augen nicht mehr öffnen; so sah sie nur zwei warmrote Flächen, wo die Sonne mitten durch ihre Lider hindurch strahlte, und neben ihr vernahm sie ihren gleichmäßigen, langsamen Herzschlag, verstärkt durch die Maschinen, deren Kabel irgendwodrin in ihr steckten und die das sanfte Pochen zu einem mechanischen Piepen machten. Manchmal hatte sie sich an den ersten Tagen in der Klinik vorgestellt, dass es ihr genauso ging wie einem dieser Roboter, die die Japaner bauten, dass sie, wenn sie schon so klang, am liebsten einfach einer wäre. Android. Nun war sie schon ein paar Wochen hier und alles egal, manchmal lief der Fernseher, manchmal spielte sie Game Boy, manchmal blätterte sie in einem der Bücher, die ihre Mutter brachte. Die Bücher kamen aus der Stadtbücherei, und die bröckelnde Folie und die Stempel und Flecken und der Bibliothekengestank deprimierten Elise. In einem der Stapel waren auch „Die Brüder Löwenherz“ gewesen, und sie wurde so wütend auf ihre Mutter, dass sie zwei Tage lang kein Wort mit ihr sprach, denn sie fand die Geschichte dumm und kindisch und kitschig, und sie hasste sie so sehr, dass sie vor Wut weinte, bis sie kotzen musste, und zwei Krankenschwestern mussten kommen, ihr Bettzeug zu wechseln, und die Schwestern waren immer beides, immer voll Mitleid und immer genervt.
Autorinnen & Mitwirkende
Lesungen
- 15.06.2012 | 20.15 FAYATAK Lesemarathon
- 16.06.2012 | 17.00 48 Stunden Neukölln - Die Lesung
- 17.06.2012 | 16.00 48 Stunden Neukölln - Lesung die Zweite
