Prosastraße

Kussfeige

Auf dem Internat hatten Christin und ich uns ein Zimmer geteilt. Ich mochte sie von Anfang an so wenig, wie ich glaubte, dass sie mich mochte. Sie war einer von diesen unfehlbaren Menschen, die sich augenscheinlich nie etwas zu Schulden kommen lassen und denen man deswegen alles Mögliche zutraut. Sie hatte diese seltsame Angewohnheit, mir ein Schokoladenstück aufs Kopfkissen zu legen, wie im Hotel. Immer, wenn ich nach Hause kam, hatte sie die Bettdecke festzogen, das Kissen aufgeschüttelt und darauf lag ein Stück eingewickelter Schokolade. Ich habe nie verstanden, warum sie das tat, ich war nicht besonders freundlich zu ihr und gerade darum schürte dieses Schokoladenstück mein Misstrauen. Wenn sie schlief, rauchte ich an unserem Fenster. Eigentlich rauchten wir alle heimlich auf dem Klo, ich auch, aber meine letzte Zigarette rauchte ich oft an unserem Fenster. Das tat ich nur, damit sie Punkt 07.00 Uhr in kaltem Rauchgestank aufwachen musste und mich einmal nur verfluchte.
Was mich am meisten an ihr störte, war ihr Lächeln. Es sah so aus, als würde sie das gar nicht tun, lächeln, sondern als wäre es fest verwachsen, als gehörte es einfach zu ihrem Gesicht. Immer hatte sie dieses sanfte Lächeln. Auch morgens Punkt 07.00 Uhr im kalten Rauchgestank.

Christins Brüste habe ich in den ganzen vier Jahren, die wir miteinander wohnten, nie gesehen. Bevor sie schlafen ging, stülpte sie sich ihr Nachthemd über, öffnete den BH darunter und zog ihn anschließend aus dem Ausschnitt. Manchmal blieb ich nachts extra lang wach, stellte mich schlafend, in der Hoffnung, irgendwann würde ich sie erwischen, würde sie stöhnen hören, weil sie es sich machte. Ob sie jemals an sich herumgespielt, sich erforscht hat, wagte ich zu bezweifeln. Sie tat einfach keine unanständigen Sachen, auch nicht solche, die eigentlich ganz normal waren, bei denen man eben nur nicht ertappt werden wollte. Ich weiß das so genau, weil ich sie im Auge hatte.
Wir waren in der gleichen Klasse, hatten zusammen Schluss und liefen auch gemeinsam nach Hause. Dann, im Zimmer, knotete sie sich die Haare zusammen, packte ihre Bücher aus und las. Wenn ich ging, schaute ich, wie ihre Schuhe standen, wie ihr Kopfkissen lag und immer, wenn ich wiederkam, war alles unverändert. Man hätte sagen können, ihre Tarnung war perfekt, ich jedenfalls sagte das tuschelnd den anderen. Oder einfach frigide, da lachte alles.

Unser Englischlehrer, den jeder irgendwann einmal verstohlen angehimmelt hatte, interessierte sich für sie. Man merkte das. Er schaute sie anders an als den Rest von uns. Sie merkte es nicht, sie wurde nicht mal rot, als sie kurz vor Weihnachten aus Versehen mit ihm unter dem Mistelzweig stand, den wir spaßeshalber über der Tür angebracht hatten. Während er eilig ins Klassenzimmer ging, blieb sie neben der Tür stehen und schaute sich die Ausschreibungen für die Konzerte an, die für uns dort hingen. Die uns zu Kultur einladen sollten, für die sich keiner interessierte. Keiner außer ihr.

Als ich einmal wirklich Probleme in Biologie hatte, half sie mir. Von sich aus, einfach so setzte sie sich eines Tages zu mir. Sie um Hilfe zu bitten, das hätte ich nie getan, nicht mal, wenn es um meine Versetzung gegangen wäre. Dass sie mir Nachhilfe – dieses Wort wollte ich nicht mal denken – gab, dafür schämte ich mich. Und ich erzählte niemanden davon.
Als ich die 3 bis zum Ende des Schuljahres schaffte und keine elterlichen Sanktionen deswegen fürchten musste, machte ich einen Monat lang allein unser Zimmer und den Flur sauber, obwohl wir uns sonst jede Woche abwechselten. Sie schien dafür sogar wirklich dankbar. Und immer, wenn ich vom Putzen zurück auf unser Zimmer kam, lag ein Stück eingewickelter Schokolade auf meinem Kopfkissen.

Gehänselt hat sie nie jemand wirklich, auch ich nicht, aber wenn mich jemand fragte, wie ich es denn mit ihr aushalte auf einem Zimmer, seufzte ich nur schwer und erntete Gelächter. Die Jungs in unserer Klasse machten heimlich Witze über sie, heimlich wohl, weil sie hübsch war. Sie wollten sie, wie ich auch, einfach uninteressant finden und merkten nicht, wie sie ihr durch ihre Witze Aufmerksamkeit zollten. Ich schon und auch, dass ich neidisch war, merkte ich.

Christin fuhr selten nach Hause, ihre Mutter wohnte weit weg, einen Vater hatte sie keinen.
Ich war froh, wenn sie fort war, weil ich mir einredete machen zu können, was ich wollte, obwohl sie nie etwas gesagt hätte, hätte ich all das in ihrer Gegenwart getan. Andererseits fehlte sie mir. Vielleicht, weil bei ihr alles seine Ordnung, seinen Rhythmus hatte.
Ich wollte nicht darüber nachdenken, wollte gar nicht wahrhaben, dass sie mir überhaupt fehlte.

Von Zeit zu Zeit wünschte ich ihr alles an den Hals. Wenn sie stolperte, triumphierte ich, wenn ich einen Pickel in ihrem Gesicht entdeckte, konnte mein Tag nur gut werden. Wenn sie, was selten vorkam, im Unterricht eine falsche Antwort gab, zuckten meine Mundwinkel.
Ich konnte mich mit allem da hinein steigern, in diesen zürnenden Hass, für den ich keinen Grund finden wollte.

Am Ende der 11. Klasse, kurz vor den Ferien, traf ich sie in der Stadt mit einem Jungen.
Ich kannte ihn nicht, er wohnte nicht im Internat und war auch keiner von den Heimschläfern, die gemeinsam mit uns zur Schule gingen. Sie grüßte mich, lächelnd, mit diesem eingewachsenen sanften Lächeln und ging dann mit ihm weiter.
Ich hätte ihr am liebsten das Gesicht zerschlagen. Und am Abend, als sie, wie sie es immer tat, wissen wollte, wie es mir ging, knurrte ich von Regelschmerzen, von schlechter Laune und Ruhe-haben-wollen. Da brachte sie mir die Wärmflasche ans Bett und strich mir über den Kopf. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich einschlief. Vor Wut, meinte ich.

Am Nachmittag nach der Zeugnisausgabe fragte sie mich, ob ich mich auf Zuhause freue, was ich vorhabe in den Ferien. Ehrlich interessiert fragte sie das. Ich wusste keine Antwort.  "Vielleicht fahre ich zu oft nach Hause, um's zu vermissen", sagte ich, "vielleicht hab’ ich darum keine Pläne." Sie schaute nur wieder mit diesem ewigen Lächeln. Und ich, ich merkte, dass ich's tatsächlich nicht vermisste. Das Zuhause. Weil ich zu oft heimfuhr, ja, und dann manchmal, wenn ich es mir traute, dachte, Ferien hier, hier mit ihr, gefielen mir besser. "Und du?" stolperte es aus meinem Mund, so schnell, dass nichts wirklich zu einer Frage hätte werden können. Bei ihrer Mutter ein zwei Wochen, danach sicher wieder hier. Dann schaute sie verlegen. Seinetwegen stand in ihren Augen.  Und ich ging schlafen, ohne mehr zu wissen wollen.

Bis wir uns nach sechs Wochen wiedersahen, hatte ich kaum an sie gedacht.
Und wenn, dann war ich zufrieden, dass ich's so selten tat. Sie drückte mich herzlich. Kurz.
Sagte, wir würden uns am Abend sehen, hatte feurige Wangen und verschwand aus der Tür. Da rauchte ich im Zimmer ohne das Fenster zu öffnen. Als es am nächsten Morgen, dem ersten Tag des letzten Schuljahres, offen stand und sie uns Tee kochte, war ich müde. Konnte gar nicht anderes sein. Und ich glaube, ich blieb es bis zum Schluss. Sie würde Jahrgangsbeste werden, das wusste ich schon bald, jeder wusste das. Ich neidete es ihr nicht, nein, ich wollte nur halbwegs gut bestehen, das reichte.
Wir sahen uns kaum im letzten Jahr, sie ging nur noch selten mit mir nach Hause, meistens aber verabschiedete sie sich hinter dem Rathaus. Wohin sie ging, wusste ich, wissen wollen mochte ich es nicht.

Und immer öfter fühlte ich mich fast krank, wenn ich kein Schokoladenstück auf meinem Kopfkissen fand, wenn ihre Schuhe so ganz anders standen, ihr Kopfkissen nicht ordentlich da lag, weil sie zu schnell gegangen war. Manchmal fragte ich sie dann, ob sie mir etwas erklären könnte, in Bio oder einem anderen Fach, obwohl ich keine Fragen hatte.
Sie antwortete dann auch genauso freundlich wie eh und je, aber flüchtig war es doch, ja, flüchtig war es.


Sie wusste schon, in welcher Stadt sie studieren wollte, als ich noch nicht mal groß darüber nachdachte, was und ob überhaupt. Das war mir auch nicht wichtig, eigentlich wichtig war nur, ob er auch in dieser Stadt studierte, aber das fragte ich sie nicht. Fragte nur, ob sie eine Begleitung für den Abiball hätte. Nein, sagte sie und sah traurig aus dabei, sie würde allein gehen, seine Schule feiere am selben Tag und sie hätten beschlossen getrennt zu feiern.
Da freute ich mich so und wollte doch traurig sein mit ihr.

Sie sah aus wie eine Prinzessin, als sie vor mir die Treppe herunter in die Aula ging.
Links die Mädchen, rechts die Jungen, ihrer nicht, wie glücklich ich war.
Getuschelt wurde längst nicht mehr über sie, mancher neidete ihr vielleicht die Jahrgangsbeste, das schöne Gesicht und das sanfte Lächeln, aber das gab man nicht zu. Und ich? Ich trank und tanzte, wie wir alle. Ich trank zu viel, ich lachte, ich wollte mich auf's Leben freuen und freute mich doch nur, dass sie allein da war.

Auf unserem Zimmer, als ihr Kleid schon auf dem Bügel hang, während ich nur auf dem Bett hockte, drehte sich alles. Ihre Sachen waren schon gepackt, sie wollte gleich am nächsten Morgen fahren. "Was schaust du so traurig?" fragte sie und ging vor mir in die Hocke.
Wie sie mir über's Haar strich. Sanft. Das konnte sie bei ihm nicht tun, nicht so, da war ich sicher. Doch als meine Lippen beinah ihre berührten, legte sie mir den Finger darauf und schaute mich mit einem Nein im Blick an. Da schlug ich ihr ins Gesicht.
Mit der flachen Hand, mit all meinem Zorn und all den Gründen dafür.
Und sah das eingewachsene Lächeln verschwinden, fühlte die Hände von meinen Knien weichen.

Am nächsten Morgen war sie nicht mehr da. Nur auf dem Tisch lag ein Brief mit einem Stück eingewickelter Schokolade darauf. Freundlich schrieb sie, lächelnd und ich war froh darüber, so froh erleichtert. Und noch erleichterter, als ich keine Adresse von ihr fand.

Wenn Anna sich im Spiegel anschaut, findet sie sich hübsch, dann kämmt sie die langen Haare und wirft sie kokett zurück, zieht die Lippen kirschrot nach und träumt ein wenig von der Welt. Den Kamm und den Handspiegel, die Rahmen mit Blattgold bestrichen, hat sie auf dem Flohmarkt gekauft. Anna mag Flohmärkte, dort, findet sie, reist man umher, durch Epochen von Wohnzimmern, Abstellkammern und Schächtelchen. Und manchmal auch durch ein Stück von Gefühl.

Anna steht oft vor dem Spiegel, die Tür ist dann verschlossen, so dass niemand sieht, wie sie tonlos gegen die Wand lächelt und dann und wann einen Kussmund macht. Wenn Anna auf ihrem Bett liegt, spielt sie mit dem Himmel über sich, streckt die Füße nach oben und hält sich mit den Händen links und rechts an den Bettpfosten fest. In einer weißen Metalldose auf ihrem Nachtisch sammelt Anna Zuckertütchen, die sie aus Cafes mitgenommen hat. Und wenn jemand, den sie kennt, verreist, bittet sie ihn, ihr ein Tütchen Zucker mit zu bringen. Aus irgendeinem Cafe, egal wo. Das findet sie romantisch auf eine beruhigende Art und Weise.

Wie wird es sein wenn ich dir begegne wirst du mich anlächeln so dass ich weiß Du bist es wird es stürmisch sein oder ganz sanft wird die Sonne scheinen wird es besonders oder werde ich erst später merken wie magisch das war mit uns und Deine Hände werden sie groß genug sein um mein Gesicht darin zu verbergen wirst Du sagen dass ich schöne Augen habe oder dass Du mein Parfüm magst wie wird Deine Stimme klingen so wie ich sie manchmal schon höre ohne dass ich sie beschreiben kann wirst du mich anrufen später und mir sagen dass ich Dir fehle wird es dabei warm und weich in meinem Bauch werden wir zusammen schweigen können nichts als Stille um uns herum wenn ich auf Deiner Brust liege werde ich mit Dir Dinge sehen von denen ich noch nicht weiß dass es sie gibt was werde ich mir von Dir zum Geburtstag wünschen und was zu Weihnachten werden all die Wege all die Straßen anders aussehen wenn ich an Dich denke wirst Du manchmal wenn Du etwas von mir in Deinem Zimmer findest die Augen schließen und glücklich sein

Ratschläge für eine spezifische Situation

Manchmal, ja, da reicht dir ein Griff.

In den Nacken. Ins Haar. Um’s rechte Handgelenk.

Das kann zum Beispiel in einer dunkel schimmernden Bar in der Oranienburger Straße sein, wo ein riesiges Aquarium New Yorker Touristen beleuchtet. Es könnte auch am Rand des 50-Meter-Beckens in der Halle des Europasportparks sein, an einer Bushaltestelle in der Potsdamer Straße oder in einer 1-Zimmer-Wohnung am Rande der Stadt, wo es nach Katzenurin riecht und rings ums Bett Raubkopien von Blockbuster-Filmen verstreut liegen.

Aber bleiben wir bei dem Beispiel mit der Bar.

Der Griff kann von einer schlanken, schönen Hand ausgeführt werden. Er ist fest, ein kleines bisschen schmerzhaft, in jedem Fall überraschend. Er passiert vielleicht gerade in dem Moment, als du entdeckst, dass in deiner blumengemusterten Strumpfhose auf der Knieinnenseite ein kleines, aber kaum übersehbares Loch ist. Der Griff wird dafür sorgen, dass du deine Strumpfhose vergisst.

Solche InselnWenn es eine Zuneigung gibt, die man gegenüber Landschaften entwickeln kann, dann empfinde ich so etwas für Inseln. Natürlich nicht für jede Insel. Es muss eine Südseeinsel sein mit weißem, besonders feinem Sandstrand, die See von fast demselben Blau wie der Horizont, Palmen sind mir nicht allzu wichtig, vermutlich gehören sie aber dazu; eine Insel, von der man sich vorstellen könnte, dass dort Schildkröten leben und dass es massenhaft Kaurischnecken im Wasser gibt. Die Schildkröten vergraben ihre Eier im feinen Sand und die frisch geschlüpften Schildkrötenkinder finden den Weg ins Meer, als würden sie an einem Bindfaden direkt hinein gezogen. Das würde ich mir gern ansehen. Ich stelle mir vor, wie ich ganz ruhig im Sand sitze und neben mir, vor mir, hinter mir krabbeln die Schildkrötenbabys aus dem Sand, flink, ab ins sichere Wasser, ehe eine Möwe die leichte Beute erspäht. Zuerst wirft der Sand einen kleinen Hügel auf, und dann taucht das kleine Kind, gerade mühsam aus dem Ei gekrochen, mit der Nasenspitze zuerst auf. Allerdings bin ich nicht sicher, ob Schildkröten Nasen haben. Oft sind solche Inseln voller Geheimnisse. Nicht, dass ich jemals dort gewesen wäre, in der Südsee. Ich habe aber eine Vorstellung davon, die in mir ist; manchmal male ich mir aus, dass ich möglicherweise als sehr kleines Mädchen auf einer solchen Insel gestrandet sein und dort eine Zeit lang gelebt haben könnte, ehe ich gerettet und heim gebracht worden wäre. Es fühlt sich wie eine unbekannte Heimat an. Ich bin fremd und kenne mich aus.